Festgottesdienst 2006
Demokratie und Toleranz. Das Motto des Stiftungsfestes ist gleichzeitig auch das Thema der Predigt zum Festgottesdienst, mit dem das Jahresfest beginnt.
Unser Motto zum diesjährigen Stiftungsfest heißt „ … für Demokratie und Toleranz“
So mancher sagt sich vielleicht: „Ja, davon habe ich gehört.“ Oder: „hört sich gut an – Toleranz“. Das Thema wird diskutiert, es ist in den Medien präsent, auch Kinder und Jugendliche beschäftigen sich mit diesen Werten, weil wir sie brauchen und nicht als ausreichend vorhanden empfinden. Und schon wird überall viel geredet – auch getan. Aber es gibt da evtl. doch noch einige, die Fragen haben. Manche Kinder, manch ein Jugendlicher, ich glaube auch so mancher Erwachsene. Aber die nehmen sich oft nicht die Zeit über Dinge nachzudenken, - die doch so klar auf der Hand liegen …
Und doch – mancher will es genau wissen! Wer traut sich schon zu fragen: „Was ist das eigentlich – TOLERANZ?“ Daraus, habe ich in den letzten Tagen erfahren, ergibt sich eine Lawine von Fragen und widerstreitenden Antworten. Es ist gut, dass soviel und lang und breit über das Thema geredet wird und die Aktionen sind auch wichtig und konkret.
Manche fragen aber trotzdem weiter und hätten neben lang und breit auch gerne tief. Lang und breit ist heute, hier im Gottesdienst unpassend. Also beschränke ich mich auf Toleranz und ein wenig Tiefe.
Was heißt Toleranz? Das weiß doch jeder und jede! Ja, was heißt eigentlich Toleranz?
Ich könnte es umschreiben, aber tiefgründig erklären? Nein.
Ich habe nachgefragt und nachgeschaut! Wo?
Ja, für den Begriff im - Synonymwörterbuch und für die Tiefe – in der Bibel.
Es ergab sich ein spannendes Puzzle, zwischen dem Begriff Toleranz, der Toleranz als Wert, uns Menschen als einzelne Person, dem Gott und Gottessohn Jesus und den verschiedenen Bibelschreibern. Ich lade Sie ein mir zu folgen! Es sind nur Puzzleteile aber mit ihrem Licht in der Hand und einem Gespräch mit ihrem nächsten Nachbarn, ergibt sich zum Schluss vielleicht etwas Sinnvolles.
Der Begriff Toleranz wird wie folgt mit Inhalt gefüllt:
Da steht Duldsamkeit - wir sollen duldsam sein! Geduldig
Da steht Friedlichkeit - wir sollen friedlich sein! Friedfertig
Da steht Behutsamkeit - wir sollen behutsam sein! Vorsichtig
Da steht Nachsichtigkeit - wir sollen nachsichtig sein! Barmherzig
Da steht Geduld - wir sollen geduldig sein! Warten, ausharren, aushalten
Da steht Rücksicht - wir sollen Rücksicht nehmen!
Da steht Gnade - wir sollen gnädig sein! Nicht auf unserem Recht beharren
Da steht Verständnis - wir sollen Verständnisvoll sein! Verstehen, was einer meint, hat oder will!
Und außerdem noch Hochherzigkeit, Großzügigkeit und Freizügigkeit.
Das alles heißt und meint das Wort Toleranz
Um Himmelswillen, da brauche ich Hilfe dieses Wort, dieser Wert meint unendlich viel – wenn man die Tiefe mitdenkt. Und dann fordert es ja auch sehr viel, Toleranz fordert und fordert heraus!
Auf was haben wir uns da eingelassen?! „Stiftung Ev. Jugendhilfe für Demokratie und Toleranz!“…
Wenn ich da bloß an mich denke … aber auch an viele meiner Freunde, an unsere Jugendlichen - und Sie!? Duldsam, friedlich, großzügig, behutsam, nachsichtig, geduldig, rücksichtsvoll, gnädig, freizügig, verständnisvoll. Das bin ich alles nur recht selten, so ganz ehrlich gesagt - und nie alles zusammen! Und wenn ich andere betrachte …. Also, außer Mutter Theresa fällt mir keiner ein. Toleranz zu üben, tolerant zu sein, ist also nicht selbstverständlich, weil es wohl irgendwie ziemlich schwer zu machen ist.
Also, DAFÜR SEIN ist erst mal einfach aber einfach tolerant sein, – nicht so! Wo finde ich Hilfe? Irgendwie schleicht sich fast ein schlechtes Gewissen ein – was so einfach klingt wird nun so schwer gemacht und all die Tugenden möchte ich ja gerne auch leben …
Also, für die Tiefe die Bibel: Im Neuen Testament schreibt ein Mann namens Paulus an einen Mann Thimotheus, dass das mit der Duldsamkeit nicht so einfach sei! Die Überschrift des Kapitels zeigt uns was er damit meint. Es heißt: „Wider die Leidensscheu“. Also soviel wird schon mal klar – es wird wehtun. Wir müssen wohl einiges an liebgewordenen Selbstverständlichkeiten und Bequemlichkeiten hergeben, um duldsam – tolerant sein zu können. Also so ganz persönlich – mal im Vertrauen – Leiden will ja nun wirklich niemand - nur um tolerant zu sein! Sollen wir aber – wie die ersten Christen für etwas nicht stritten, sondern duldsam waren.
Das ist alles so unbequem!!!
Aber wenn wir nun klein anfangen und etwas erdulden, nicht aushalten, sondern erdulden. – Wer macht das schon? Mütter machen das mit ihren Babys + Kleinkindern. Ach das ist es, mag da einer sagen. – Da überwiegt ja die Freude – also ist das doch keine echte Duldsamkeit? Echte Duldsamkeit, für diese Schwere Herausforderung habe ich auch ein lebendes Beispiel gefunden – wir können es können!
Eine Pflegemutter kann es seit 6 Wochen kann sie erdulden, dass das Pflegekind die Möbel zerlegt, dem Pflegevater die Nase gebrochen hat, ihr Fahrrad mit ihr darauf zu Schrott fuhr und das Auto demolierte. Sie sagt: “Es wird besser.“ Ihre Duldsamkeit scheint das Kind auf wunderbare Weise zu heilen, denn es ist mehr als Aushalten und Zulassen, einfach Geschehen lassen. Diese Mutter glaubt an Hilfe!
Sie ist kein Einzelfall! Hier bei uns im Heim und anderswo gibt es sie die Duldsamen, die oft für einfältig gehalten werden. Wie weit geht UNSERE Duldsamkeit? Wir wollen ja tolerant sein!
Wir bekommen aber auch etwas in Aussicht gestellt!: selig sind die Friedfertigen – sie werden Gottes Kinder sein!
Ich werde jetzt nicht weiter bohren, was Friedfertigkeit ist – wir schlagen niemanden, wir tun keinem weh…, wir führen keinen Krieg! Selig!... Und den Gutmütigen soll es auch gut gehen – in der Bibel wird ein König hart belehrt – er soll sich ein Beispiel an seinem Vater nehmen, der war gutmütig: „Er half den Elenden und es ging ihm gut!“ (Jes.22.16) Da steht also auch, was wir tun können: Den Elenden helfen, dann kann es uns gut gehen!
Behutsamkeit – behüten sollen wir – nicht wie dieser Kain, der seinen Bruder nicht behüten wollte – beschützen, aufpassen, vorsichtig sein. Das lehnen wir nicht ab und tun es auch, aber wie konsequent? Wenn es nicht die eigenen Kinder sind … „jeder hat eben so sein Schicksal“, kann man sagen – „ich kann es nicht ändern“, „jedes Kind ist eben nicht zu retten“ …. Aber zu behüten und mit Vorsicht zu behandeln sind alle Kinder!
Da bitten wir manchmal lieber Gott – er soll uns alle behüten und wir bekommen Zuspruch und Trost. In vielen Bitten und Gebeten wird klar, dass wir begrenzt sind in der Gabe aufzupassen, vorsichtig und behutsam zu sein. Aber: „Der Herr behütet dich und schläft nicht!“ (Ps. 122)
Das können wir einfach nicht versprechen! Gott schläft nicht und behütet uns – so behutsam, dass wir es oft nicht merken.
Nachsicht sollen wir haben! Auch wenn sich Menschen merkwürdig – kindisch benehmen. (Sir. 3,15)
Geduld – meist hat Gott Geduld, Jesus hat Geduld. Geduld ist, wenn man warten kann! Und uns wird gesagt: „Geduld ist etwas Köstliches!“ Wenn uns das warten nicht mehr auf die Nerven geht…!
Die Gnade – um Gnade wird Gott angefleht – auch Menschen werden darum angefleht – Gott gewährt sie oft. Gott ist gnädig!
Verständnis haben ist Toleranz. Um Verständnis haben zu können, müssen wir verstehen, verstehen was unser Nächster, unser Nachbar sagt, was er meint, was er will und was er fühlt.
Alles zusammen ergibt den Wert Toleranz. Das Geheimnis dieser Pflegemutter und so manchen Erziehers liegt diesmal nicht in der Sauce, sondern in der Qualität der gelebten Werte, wie Geduld. Geduld ist eben nicht nur Zuwarten, Abwarten, sondern ein absolut aufmerksamer Zustand von Verstehen und Verständnis, Rücksicht und Nachsicht, Friedlichkeit, Behutsamkeit und Gutmütigkeit. Alle diese Puzzleteile müssen irgendwie belebt und wach durchlebt werden, dann nähern wir uns den biblischen Forderungen und haben dafür die Tröstungen und den Zuspruch als Wegzehrung.
Wachheit ist nötig, denn es gibt auch eine Toleranz-Grenze! Die liegt nicht in den Strafen für gequälte Kinder, sondern gegenüber Intoleranz. Die Grenze der Toleranz ist da, wo die Werte, die so unendlich schwer zu leben sind, bedroht werden durch Gleichgültigkeit und Gewalt und Willkür. Gehen wir behutsam mit diesem Schatz um, versuchen wir jeden Tag aufs Neue tolerant zu sein.
Gott ist tolerant, habe ich gelernt! Er nimmt uns an, er lässt uns so sein wie wir sind, unvollkommen!
Er gibt Richtschnur, Trost und Begleitung, wenn wir es wollen…! Er ist tolerant.
Wir müssen reden und fragen, hinterfragen und in die Tiefe gehen, am Besten in unsere eigene Tiefe, um immer aufs Neue den Schatz der Werte zu entdecken, um leben zu können, gut und mit Gnade betrachtet. Er ist tolerant. Wir sind wie Puzzleteile seiner Vollkommenheit.
Amen



