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Wissenschaftliche Begleitung

Mit Beginn der Arbeit unserer Dreisprachigen Internationalen Grundschule interessierten uns Fragen, wie beispielsweise welches Sprachniveau nach 4 Jahren erreicht werden kann, welches Curriculum zu Grunde gelegt werden sollte und wie die Leistungen bewertet werden können. Hier finden Sie eine Beschreibung der Tests mit ersten Ergebnissen.

Zielstellung

Als wir im August 2005 unsere Dreisprachige Internationale Grundschule eröffneten, beschäftigten uns die folgenden Fragen:

1. Welches Sprachniveau werden die Kinder nach 4 Jahren Schulzeit in unserer Grundschule in Englisch bzw. Französisch erreichen können ?

2. Welches Curriculum legen wir unserer Dreisprachigen Grundschule in Englisch und Französisch zugrunde ?

3. Wie bewerten wir die Fremdsprachenleistungen der Kinder nach den einzelnen Schuljahrgängen reliabel und valide ?

Literaturrecherchen, Hospitationen und Erfahrungsaustausche verstärkten diese Fragestellungen bezogen auf unser Sprachkonzept und unser Setting. Die vorbenannten Fragen werden mit Sicherheit erst nach regelmäßiger Evaluation der Fremdsprachenergebnisse in Englisch und Französisch nach mindestens 4 bis 6 Jahren erschöpfend beantwortet sein.

Im Dezember 2005 nahm der Vorstand der Schulträgerin deshalb Kontakt zu einer wissenschaftlichen Mitarbeiterin der Ernst-Albrecht-Universität zu Köln, Lehrstuhl für Anglistik auf. Im März 2006 war die vertragliche Einigung über die ersten externen Sprachstandserhebungen in unserer trilingualen Kita und unserer Grundschule erzielt. Im Juni und Oktober 2006 erfolgten die Tests durch unsere muttersprachlichen Lehrer und Erzieher bei 40 Kita-Kindern und 41 Erstklässlern, vorbereitet, angeleitet und ausgewertet durch/von Sprachwissenschaftler(innen) der Universitäten Köln, Kiel und Magdeburg. Projektleiterin war Frau Prof. Christiane Bongartz .

 

Die Tests in der trilingualen Kita

 

Ziel der Tests in Lexikon und Grammatik war die Einschätzung des Hörverständnisses der Kinder in der Englisch- und in der Französischgruppe in Abhängigkeit von der Verweildauer in der Kita.

Zur Ermittlung des Wortschatzes kam der British Picture Vocabulary Scale II (BPVS II) zum Einsatz. Die Kinder wurden einzeln gestestet. Der Test dauerte ca. 8 Minuten.

Die Ergebnisse der 21 Kinder der Französischgruppe und der 19 Kinder der Englischgruppe wurden in vier Cluster zusammengefasst. In Cluster 1 wurden die Ergebnisse der Kinder mit einer Verweildauer zwischen 8 und 19 Monaten, in Cluster 2 zwischen 20 und 28 Monaten, in Cluster 3 zwischen 29 und 37 Monaten und in Cluster 4 zwischen 38 und 47 Monaten geordnet.

Sowohl in Englisch als auch in Französisch vergrößert sich mit zunehmender Verweildauer der Wortschatz in der L2 (Language 2 = Zweitsprache oder erste Fremdsprache). Bei den Kita-Kindern der Englischgruppe entwickelt sich der L2 - Wortschatz schneller und umfänglicher als bei den Kindern der Französischgruppe. Die Sprachwissenschaftler erklären das mit der sprachtypologischen Nähe der deutschen und englischen Sprache. Französisch ist für monolinguale deutschsprachige Kinder verglichen mit Englisch die "schwerere" Sprache.

Für die Zustandsanalyse der Grammatik kam ein online picture pointing Test zur Anwendung. Die Kinder wurden auch hier einzeln getestet. Der Test dauerte ca. 5 Minuten.

In die auswertende Betrachtung gelangten die Ergebnisse von 9 syntaktischen Kategorien der Einschülerkinder.

Englischgruppe: Die grammatischen Strukturen werden unterschiedlich schnell erworben. Negation, Plural, Satzstellung und Artikel sind signifikant erworben, Pronomen nicht.

Französischgruppe: Auffällig ist das gute Abschneiden beim Satzbau und bei den Mengenadverbien. Die Negation im Französischen ist dem Deutschen lexikalisch unähnlich. Die Ergebnisse liegen hier unter denen in der Englischgruppe. Der Plural ist im Französischen nur phonetisch im Artikel zu unterscheiden, wobei zudem noch ähnliche Laute (le/les) benutzt werden. Hier hatte die Tester erstaunt, dass es überhaupt ein positives Ergebnis gab. Bei den Pronimina ergab sich nur eine rein zufällige Verteilung.

Die Ergebnisse der Einschülerkinder in der Französischgruppe lagen also auch in diesem Test unter denen der Englischgruppe. Eine Erklärung ergibt sich aus der größeren typologischen Distanz zwischen Deutsch und Französisch. Demgegenüber besteht eine lexikalische Nähe sowohl bei der Negation als auch bei den Präpositionen zwischen Englisch und Deutsch (not/ in). Das schlägt sich in den Ergebnissen nieder.

Dasselbe Phänomen ermittelten die Sprachwissenschaftler auch bei den Sprachtests in der Grundschule.

 

 

Die Tests in der Grundschule

 

In der Französischklasse wurden 19 Kinder und in der Englischklasse 22 Kinder jeweils paarweise von native speakern der DIG getestet.Der Test pro Paar dauerte etwa 20 Minuten. Hiervon wurden Videoaufnahmen angefertigt, danach erfolgten die Transkriptionen der mündlichen Äußerungen und die Bewertung durch Studenten der Uni Köln.  

Zum Einsatz kam ein Language Immersion Assessment (LIA). Dabei standen Sprachproduktion und Hörverständnis im Vordergrund.Folgende Aufgaben mussten unter den einzelnen Zielstellungen von den Kindern realisiert werden:

 

Aufgaben:                                 Zielstellung

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1. Obst und Gemüse            Sprachverständnis,mündlicher Ausdruck  

2. Informelle Fragen              Sprachverständnis, mündlicher Ausdruck 

3. Bildbeschreibung              Vokabular, Grammatik

4. Bildergeschichte               Vokabular, Grammatik

 

   

Alle Einzeltestergebnisse der Kinder (Hörverständnis, mündlicher Sprachfluss, Vokabular, Grammatik) wurden von den Studenten der Uni Köln anhand einer 9 stufigen Skalierung bewertet. Die Skalierung reichte von

1 = Junior – Level: Anfänger Basisniveau

2 = Junior – Level: Anfänger Stabilitätsniveau

3 = Junior – Level: Anfänger Aufbaustufe

4 = Junior – Level: Fortgeschrittene Anfänger Basisniveau

bis Stufe 9 (muttersprachliches Niveau).

 

Das durchschnittliche Gesamtergebnis aller vier Einzeltests der 22 Kinder in der Englischklasse nach einem Jahr immersivem Sachfachunterricht in einzelnen Fächern lag bei 2,4 (die Bestleistung: ein Junge - aus einsprachiger Familie und trilingualer Kita: 4,8; ein Junge aus einsprachiger Familie und einsprachiger Kita: 4,0). Das durchschnittliche Gesamtergebnis aller vier Einzeltests der 19 Kinder in der Französischklasse lag bei 1,4 (die Bestleistung: ein Mädchen und ein Junge - beide aus einsprachiger Familie und einsprachiger Kita: 2,1). Die Standardabweichung in der Englischklasse lag bei s =  1,097 und in der Französischklasse bei s = 0,57. Die Mittelwerte der Durchschnittsergebnisse der beiden Klassen anhand des t - Testes verglichen, ergab einen 99 % statistisch signifikanten Unterschied.

Die Englischklasse war damit der Französischklasse im Durchschnitt um 1 Stufe voraus. Aus der Sicht der Sprachwissenschaftler tragen zu dieser Sachlage kontextuelle und sprachtypologische Faktoren bei.

 

 

Erkenntnisse aus unserer ersten Sprachstandserhebung

 

Die allerersten Sprachstandserhebungen in unserer Grundschule 2006 haben belegt, dass monolinguale deutsche Kinder (auch ohne Vorkenntnisse) in der Lage sind, Sachfachunterricht in einer Fremdsprache ab dem ersten Schultag zu folgen. Dabei lernen die Kinder die erste Fremdsprache und auch die Sachfachinhalte. Letztere sind durch die Ergebnisse regelmäßiger Lerntests am Ende der Stoffeinheiten nachweisbar. Die vom Land Sachsen-Anhalt veröffentlichten niveaubestimmenden Aufgaben für die Schuljahrgänge 2 und 4 in den einzelnen Fächern finden bei uns Anwendung.

 

Neben den Kindern mit bilingualem Familienhintergrund hatten auch die Kinder mit immersiven Vorkenntnissen aus unserem trilingualen Kindergarten deutliche Vorteile. Von den drei Kindern aus der Englischklasse, die zuvor in der Englischgruppe unserer Kita gebildet und betreut wurden, gehörten zwei Kinder nach der 1.Klasse zu den Leistungsspitzen in den Englischtests, das dritte Kind zum guten Leistungsfeld. Das eine Kind aus der Französischklasse, das zuvor in der Französischgruppe unserer Kita lernte, gehörte auch hier zur Leistungsspitze in den Französischtests.

    

Die allerersten Sprachstandserhebungen in unserer Kita und in unserer Grundschule 2006 haben belegt, dass es deutliche Unterschiede beim Spracherwerb monolingualer deutscher Kinder in Englisch und in Französisch gibt. Diese Unterschiede sind sowohl in Grammatik und Wortschatz, im Hörverständnis und im Sprachgebrauch nachweisbar. Das führen die Sprachwissenschaftler auf sprachtypologische Unterschiede zwischen Deutsch und Französisch und eine größere Nähe zwischen Deutsch und Englisch zurück.

Es ist also sprachwissenschaftlich und statistisch unzulässig, die bisherigen Erkenntnisse und Datenlagen zu den Sprachentwicklungsverläufen beim immersiven Lernen der englischen Sprache durch monolinguale deutsche Kinder auf die Lernverläufe (Tempo) und Lernergebnisse (Umfang) beim immersiven Lernen der französischen Sprache einfach zu übertragen. Das führt zu falschen Erwartungshaltungen und Verunsicherungen bei Eltern.

Um die Ängste von Eltern abzufangen, ihr Kind könnte die für eine gymnasiale Laufbahnempfehlung notwendigen Sachkundeinhalte am Ende der Klasse 3  nicht aufweisen, führen wir seit Februar 2007 den immersiven Sachkundeunterricht in Halbklassen durch.

 

Für die Sprachstandsergebnisse nach einem Jahr immersivem Fremdsprachenlernen in unserer Grundschule gibt es bislang keine vergleichbaren Zahlen aus anderen Grundschulen in Deutschland.

Für den französischen Zug konnten uns die Sprachwissenschaftler keine Vergleichsdaten nennen. Ähnliche Erhebungen sind uns auch aus ähnlichen Grundschulen – wie z.B. der Internationalen Grundschule „Pierre Trudeau“ in Barleben (5 km nördlich von Magdeburg) des Schulträgers ecole e.V. –  nicht bekannt.

Für den englischen Zug liegen Zahlen aus der staatlichen Halbtagsschule in Kiel-Altenholz vor. Diese sind bezogen auf unser Schulkonzept allerdings weniger relevant. In Kiel-Altenholz werden alle Fächer (bis auf Deutsch) in englischer Sprache unterrichtet. Dort liegt der L2 – Anteil gemessen an den verbindlich zu erteilenden Unterrichtseinheiten mit 70 % nämlich deutlich höher als in unserem Programm (mit noch nicht einmal  50 % der Unterrichtseinheiten).

 

Um die Sprachergebnisse in Französisch und Englisch weiter zu verbessern, ist ein noch höherer Anteil an fremdsprachig geführtem Sachfachunterricht als bisher nötig. Die Sprachwissenschaftler empfehlen, das Fach Mathematik ab Klasse 1 immersiv zu unterrichten.

 

Für ein schuleigenes Curriculum und Bewertungsverfahren sind weitere jährliche Sprachstandserhebungen notwendig.

Diese sollen aus Trägerperspektive noch mindestens vier bis fünf mal wiederholt werden. Damit könnten 2010/ 11 Ergebnisse von 5 Schuljahrgängen verglichen und Entwicklungen statistisch signifikant dargestellt werden.

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erstellt von admin zuletzt verändert: 01.04.2008 07:50